Addis Abeba, 7h nach ET715

Veröffentlicht am 24. September 2002.
Afrika ist anders als Europa. Doch immer der Reihe nach.

Gestern mollig eingeschlafen bin ich auf den bequemen Sitzen, mit Decken und einem Kissen von Ethiopian Airlines, und geweckt mit einem wunderschönen Sonnenaufgang und einem leckeren Frühstück ("Nachholen" war kein Problem), Tomatensaft, Kaffee und Tee, superfreundliche Crew, doch dann: Angekommen in Addis Abeba, alle liefen doch einfach nur über's Rollfeld, es ist nicht sooo warm, etwa 17°C. Sonnenschein, und eine große Anzahl von Flughafenangestellten(?), die mich anlächeln, der Erste sagt "Hallo" zu mir, der Zweite auch, schon fange ich an, die freundlichen Menschen von mir aus zu grüßen. Wir fragen uns durch das heruntergekommen aussehende Gebäude, füllen Formulare aus und finden jemanden, der uns ein Hotel (wahrscheinlich vom Cousin?!) organisiert. Wir dürfen uns ab jetzt frei in Äthiopien bewegen, bekommen allerdings unsere Pässe erst zum Abflug wieder, wie wir nach einiger Verwirrung erfahren. Geld: Natürlich haben wir auch ein paar Dollars herüberreichen müssen. Erst sollte es 13$ pro Person und Nacht kosten, bezahlt haben wir aber dann 14$, wurden mit einem tollen Bus und von einem sehr gesprächigen Äthiopier zum Hotel gefahren, zusammen mit einem Inder, der am Donnerstag nach Dehli weiterfliegt. Er hat schon lange in Afrika gelebt, verdient sein Geld auf Öltankern und reist in den 4 Monaten Ferien, die er in seinem Job bezahlt bekommt, in der Welt herum.

Addis Abeba erstickt in Leuten, überall bewegt es sich, tausende von Menschen am Straßenrand, verkaufen alles Denkbare. Verkehrsregeln macht der Fahrer mit dem meisten Temperament also Mut. Ständig rennen Menschen über die Straße, Autos hupen auch immer. Es gibt keine Weißen, außer uns. Die Stadt ist so unglaublich aktiv, jeder scheint sich seinen Job selbst zu bauen. Mitten durch den schnellen Verkehr rennen bettelnde Kinder. Mancherorts sehe ich ein Haus, mit einem Gerüst aus Bambus(?), schief und angsteinjagend, übersäht mit Herrscharen von Arbeitern. Und so viele junge Menschen!! Die Statistik ist das eine, aber auf der Straße sind tatsächlich total viele Kinder, junge Frauen mit Bergen von Gepäck. Und so viele Busse, in allen Größen, aber immer übervoll. Und dann erstreckt sich plötzlich, so weit man sehen kann, ein "Wohngebiet", gebaut aus Wellblech, Holz und Plastik. Es ist 8:40 Uhr, vielerorts sehe ich schlafende Menschen, auf der Straße, auf Brückengeländern, Wiesen, Bäumen.
Ich habe viele Fotos gemacht, die Leute finden es total witzig, posieren, benehmen sich wirklich albern und hoffen sicher auf $$$. Ich werde von allen beäugt, ist es das Geld? Die Haut? Die fremde Kultur, mein befremdliches Benehmen? Es ist mir nicht besonders angenehm, ich fühle mich ungemein gehemt. Im Hotel stehen an jeder Ecke Menschen, bereit, einem jeden Wunsch zu erraten, bevor man ihn ausspricht. Englisch, fast alle verstehen und sprechen es. Dennoch, im Hotel spricht niemand ungefragt, im Gegensatz zur Straße. Besonders verwirrend finde ich jedoch die jungen Frauen und Mädchen, die sich heute zu Hauf vor meinem Zimmer gesammelt haben, um zu warten, bis ich wieder herauskomme. Von Zeit zu Zeit klopfen sie, um zu fragen, wie es mir geht, oder behaupten, sie hätten sich in der Etage geirrt. Ich bin neugierig, könnte ihnen Fragen stellen, doch ich fürchte, dass sie mich missverstehen.

Zu unserem Glück haben wir Vollverpflegung, brauchen uns also nicht um Essenzubereitung kümmern. Doch ob sich der Koch die Hände wäscht? Der berüchtigte Durchfall ist noch nicht in Erscheinung getreten, ich glücklich. Denn Afrika, das ist wirklich anders.