Addis schärft die Gedankenwelt

Veröffentlicht am 25. September 2002.
Alles ist jetzt klarer. Absolut neue Perspektive. Ich werde diesen Tag nicht vergessen. Er ist in seiner eigenen Art der wichtigste in meinem Leben. Getern angekommen war noch alles fremd, heute war ich schon immer hier. In meinen Hoffnungen, die heute durch die entscheidente Dimension erweitert wurden. Ich betrachte Menschen jetzt mit anderen Augen.

Mehr als das Fakten des Tages mit netten Bildern möchte ich Gedanken vermitteln. Das würde ich am liebsten von Mensch zu Mensch, doch ich werde versuchen, dir als von ganzem Herzen willkommener Besucher meines Tagebuches die Farben und Erkenntnisse meiner Gedankenwelt anzudeuten.

Ich empfinde es als eine Herausforderung, meine aktuelle Sicht auf, oder vielmehr durch die Welt in lineare Sätze zu fassen. Ich fühle mich von mentaler Energie durchflutet, bemerke die körperliche Müdigkeit kaum. Für einen Außenstehenden würde ich zerstreut und abwesend wirken, mein Kopf ist von Bildern mit starken Emotionen gefüllt. Alles ist positiv. Die sogenannte reale Welt ist nur eine Wirkung, ein momentanes Resultat der Gesamtheit aller mentalen Realitäten. Nur durch unglaublichen, unerwarteten, schnellen und intensiven Gedankenaustausch mit Martin, der uns beide neu definiert hat, konnte ich diese Ebene erfassen. Wir haben gesprochen, die sogenannte reale Welt um uns herum vergessen. Klingt nach Sex, doch den Grund dafür kann ich nur erraten. Ich möchte dir versichern, dass Liebe oder Sex zwischen Martin und mir Humbug sind. Offensichtlich, da wir beide Heten sind, aber ich möchte Gerüchte vermeiden, bevor sie entstehen.
Es ist schwierig, ein verständliches, deutsches Wort für diese Ebene der Psyche zu finden, weil diese Ebene mir in meinem deutschen Denken nicht aufgefallen ist. Vielleicht ist sie generell nicht Teil des westlichen Denkens, sondern wird von uns verdrängt. Aber hier riskiere ich eine grobe Verallgemeinerung, Vorsicht.
Wirtschaftliche Armut hier diesem Teil von Äthiopien erscheint in einem anderen Licht. Ich habe heute gelernt, dass die meisten Menschen, die ich heute getroffen habe, auf spirituellem Level weiter fortgeschritten sind. Diese Menschen handeln unter allem Umständen gewaltfrei. Sie teilen, was sie haben. Sie nutzen Möglichkeiten, Menschen zu helfen. Sie möchten mich zufrieden wissen. Ich bin sehr zufrieden. Diese speziellen Menschen meinen die Frage 'How do you do?' ernst, erwarten eine ehrliche Antwort. Das ist schwierig und sehr außergewöhnlich.
Plötzlich verstehe ich zwischenmenschliche Beziehungen egal welcher Art besser. Menschen, die ich in meinem Leben treffen durfte, verstehe ich jetzt besser. Ich verstehe meinen Stiefvater, den ich in meiner Gedankenwelt bisher verdrängt habe, aus Angst. Ich bemerke mit einem Schlag, dass ich meinen Mitmenschen viel zu wenig Respekt zukommen haben lasse, sowohl in meiner Gedankenwelt als auch im echten Leben. Diese Erkenntnis hat in mir den Wunsch bekräftigt, mich weiter zu verändern. Ich begreife meine Vergangenheit besser. Ich entdecke verdrängte Abschnitte wieder. Ich versuche, meine 'westlichen' Ziele durch 'natürliche' Ziele zu ersetzen. Ich weiß, dass ich dabei auch auf die Hilfe meiner aufrichtigen Mitmenschen angewiesen bin. Ich weiß, dass ich in der Vergangenheit Menschen verletzt habe, doch mich erschrickt, dass ich es in vielen Situationen nicht bemerkt oder geplant oder gewünscht habe. Ich habe für mich selbst unkonstruktive Kritik an anderen geübt. Ich bin beeindruckt, weil Menschen anderen etwas Gutes tun können, ohne mit einer Gegenleistung zu rechnen. Ich habe das in meinem Leben sehr selten gemacht. Ich weiß, dass ich die Macht habe, mich zu verändern. Ich habe mich nach meinen persönlichen Maßstäben und zu meiner eigenen Überraschung durch Willenskraft verändert. Ich habe Menschen bestohlen, betrogen, belogen. Ich habe mich gut gefühlt, mit meiner Macht, die ich absichtlich missbraucht habe.

Ich möchte damit nicht sagen, dass ich schlecht war, und ab jetzt ein besserer Mensch bin. Sondern möchte andeuten, dass ich mich in der Vergangenheit egoistischer und materieller benommen habe und dabei konsequent hauptsächlich mich betrogen habe. Ich habe jedoch in der Vergangenheit auch viele Puzzleteile gefunden, ohne es zu merken. Martin und ich haben heute beide eine Etappe auf der nach oben offenen Selbstfindungsskala geschafft. Diese Skala spielt bei allen Dingen im täglichen Leben eine Rolle. Sie bestimmt alles. Sie ist vollkommen unabhängig von Alter oder Herkunft. Ich möchte allen Menschen danken, über die ich in meinem Leben nachgedacht habe. Sie haben mir bei den Schlußfolgerungen geholfen, die wir heute ziehen konnten. Ich habe von Martin absolute Offenheit erhalten, während ich ihm das selbe angeboten habe. Der heutige Tag hat in unserer Beziehung eine besondere Position. Ich habe ihn für einen einfältigen Spinner gehalten, er mich für einen selbstgefälligen Idioten. Es schmerz, so etwas aufzuschreiben. Es schmerz, das zwischen den Zeilen des Anderen zu hören. Ich bin wirklich über das Gespräch verblüfft, das uns durch so viele Themen geführt hat, und uns auch ganz natürlich über unsere gegenseitigen Einstellungen zueinander sprechen lassen. Ich bin optimistisch, dass ich bald in mir herausfinde, was dazu geführt hat.
Ich fühle mich, und das meine ich ohne Stolz, aber mit Behagen, älter.

Ich hoffe, dass dieser Eintrag, sollte er denn Leser finden, nicht zu viele potentielle Missverständnisse enthält, doch ich fühle mich nicht sehr sicher, denn im Gegensatz zu einem persönlichen Gespräch gibt es keine einfache Möglichkeit, das zu prüfen. Ich hoffe, dass ich mit der Bedeutung der von mir verwendeten Wörter kenne. Ich hoffe, dass ich einen Teil der positiven Energie, die mich durchflutet, weitergeben konnte.
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