Schreiben im Netz

Veröffentlicht am 29. September 2002.
Hallo liebe(r) Leser(in), ich muss mich entschuldigen, ich habe seit 3 Tagen nicht mehr geschrieben, skandalös. Aber gemerkt hat das niemand, denn niemand in Dänemark oder in Deutschland hat irgendetwas gehört, seit ich Europa verlassen habe. Natürlich würde ich mich doch gerne melden, doch Telefon und E-Mail-Anschluss sind hier ungefähr genauso unglaublich selten wie in der Heimat Steuererhöhungen vor der Wahl. Aber zumindest kann ich hier in meinem Bett über der Toilette in unserem kleinem Haus, in meinem noch winzigeren Moskitonetz einen Tagebuch-Eintrag schreiben.

Am Freitag sind wir in Luanda herumgereist, mit der Hilfe von Samuel, ein witziger, geduldiger und angenehm freundlicher Angolaner, der 1995 beim ersten Jahrgang hier in EPF Huambo, meinem Projekt, dabei war. Wir haben.
Es war ein Tag mit vielen verschiedenen Gefühlen. Eigentlich möchte ich nur gute Dinge schreiben, weil sonst niemand in der westlichen Welt versteht, wie es sich anfühlt, in Luanda zu sein. Ich habe Angst, etwas zu schreiben, von dem dann alle denken, jaja, genauso ist Afrika, das habe ich mir schon gedacht. NEIN, es fühlt sich ganz anders, wenn man Luanda selbst erlebt. Luanda ist voller schicker Autos, voller Müll. Voller Slums, voller Wolkenkratzer, die ohne jegliche Planung kreuz und quer aus dem Boden schießen. Es ist voller Satellitenschüsseln und sensationel stinkig. Besonders in den Slums, die sich nicht am Rande, sondern wahllos irgendwo ganz plötzlich vor einem erstrecken, scheinen die Müllberge Tag und Nacht zu brennen. Es ist komplett unmöglich, ein einziges ernsthaftes Haus ohne Klimaanlage zu finden, überall laufen Ventilatoren, tropft es von den Kühlanlagen. Kein Wunder, denn es ist heiß. Es ist Frühlingsanfang, es wird also ab jetzt sehr schnell noch viel heißer in der Stadt.
Die Polizei ist an vielen Orten im Einsatz, am häufigsten beim Kontrollieren der Fahrzeugpapiere. Samuel erklärt uns, dass die Polizisten Geld für das Wochenende sammeln. Wir werden zweimal kontrolliert, beim ersten Mal muss er umgerechnet 10$ zahlen. Das Problem: Angeblich darf er kein in Luanda angemeldetes Auto fahren, denn er ist in Huambo geboren. Er ist sehr verärgert, denn er hat diese Gesetze studiert und trotz Streit muss er belchen. Was für ein Land! Zum Glück sind unsere Visas in Ordnung. In Luanda besuchen wir EPF (1 Stunde auswärts), Formidas do Futuro (mitten in einem großen Slum) und die Second-Hand-Klamotten-Stelle, die auch Moskito-Netze und Tische und tausend andere Sachen macht.

Sonnabend morgen sind wir nach Huambo geflogen, Birgit hat uns begrüßt und abgeholt. Ich würde ja gern noch mehr schreiben, doch der Strom wurde gerade abgestellt.

Sonntag ist heute, wir haben unser Haus komplett umgeräumt, über das Projekt gesprochen, ein portugiesisches Theaterstück von der lokalen Theatergruppe gesehen. Am Ende wurden die Weißen umgebracht, na klar. Gut, dass alle Darsteller locals sind und ich nicht genug portugiesisch verstand - im Nachhinein habe ich erfahren, dass das letzte Theaterstück dieser Truppe auch schon ein ähnliches Ende hatte. Es geht ihnen um die Verarbeitung der Kolonialzeit, auch wenn das jetzt schon 27 Jahre zurückliegt, und die Darsteller jünger sind. Power alle, bis morgen abend warten!
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