Macheten

Veröffentlicht am 4. October 2002.
Es ist unmöglich, die letzten 5 Tage in ihrer Farbigkeit und Lebendigkeit komplett wiederzugeben. Doch ich werde versuchen, einen kleinen Abriss zu präsentieren.

Dienstag sind wir recht zeitig aufgestanden, wollten wir doch hinaus auf's Land, um Samen zu verteilen. Also waren wir gegen 9 in Agriculturo, dem ADPP-Büro in Huambo-Stadt, haben brav gewartet, bis uns Lito zum Lagerhaus geführt hat. Nur leider war kein LKW, kein Fahrer und auch kein Platz da, dafür viele Helfer, die LKWs für andere Hilfsorganisationen abgefüllt haben. Denn USA und Japan haben Macheten, Samen, Feilen und andere Nützlichkeiten gespendet, und alle lokalen NGOs in Huambo sind eingeladen, sie zu verteilen.
Also haben wir vereinbart, den LKW abends zu beladen und uns am nächsten Tag wieder in der Stadt zu treffen. Den freien Nachmittag haben wir für einen Besuch beim OCHO-Berater, einem Vertreter der UN, der uns über die Sicherheitsregeln und die anderen NGOs vor Ort informiert hat, genutzt. War sehr interessant, zumal wir von ihm nur Gutes über Birgit und ihre lange Tradition im Ort und ADPPs Projekte gehört haben. Und die Situation mit den Minen ist weitgehend unter Kontrolle, es gibt detailierte Karten. Er hat uns aber gewarnt, das es weitaus wahrscheinlicher ist, von der Rache der Verwandten getroffen zu werden, wenn man eins der vielen Kinder, die Autos nicht gut kennen, anfährt. Und Pfeife raucht er.

Mittwoch sind wir wieder in die Stadt, mit der Hoffnung, am Lagerhaus einen fertig beladenen LKW zu finden. War aber nicht so, wir haben noch 2 Stunden gebraucht, ehe alles bereit war. Dann aber auf nach Tchindjenje (Tchindjeje).
Weit gefehlt, am Marktplatz haben wir wieder angehalten, um einen Reifen zu wechseln. Was in der Formel 1 zehn Sekunden braucht, hat, wir sind ja in Afrika, 3 Stunden gedauert. Zwischendurch waren wir die Sensation, weil weiße Haut ja auch sooo etwas besonderes ist, dass es sich lohnt, 3 Stunden zuzuschauen. Eigentlich haben wir ja nur dagesessen, ein bisschen portugiesisch gelernt. Gleichzeitig waren wir aber auch Teil der Manege für eine junge Hexe, die uns auch mit einem Zauber belegt hat und die Wahrheit über meine Mama ans Licht gebracht hat.
Irgendwann war das dann auch vorbei, also sind wieder alle 8 Helfer, uns eingeschlossen, auf die Ladefläche des 40 Jahre alten Mercedes-LKWs geklettert, ich mit Regenjacke gegen Sonnenbrand. Die Sonne ist hier echt heftig, doch zur gleichen Zeit gibt es auch tagtäglich Gewitter. Das Geräusch von Donner ist immer im Ohr.
Die Straße ist sehr abenteurerlich. Besonders die häufigen Brücken sind wirklich erschreckend, entweder aus Holz und natürlich nicht besonders vertrauenserweckend oder aus Beton, mit vielen Löchern aus Kriegszeiten. Aber unser Fahrer hat immer das so gut wie Unmögliche geschafft und das Fahrzeug erfolgreich um 1 Meter tiefe Schlaglöcher und andere reisebeendente Hindernisse geführt.
Für die 100 km haben wir 4 Stunden reine Fahrzeit gebraucht, also unglaubliche 25 km/h Durchschnitt. Gegen 8 angekommen, schließt das auch die endlos erscheinende Nachtfahrt von 2 Stunden auf einer 2 Meter breiten Straße und ohrenbetäubendem Lärm von der umgebenden Natur und 3 Meter hohem Gras am Straßenrand ein.
Erst mit Kuss auf die Wangen begrüsst, dann ungefähr 14 sehr wichtigen Menschen der Stadt vorgestellt, dabei auch der Bürgermeister, ein 25-jähriger unglaublich höflicher Mensch, gekleidet in einem zerknitterten 0815-Hemd. Gegen Mitternacht haben wir dann wie im Restaurant langweilige Fungji und Hühnchen und Tomatensalat und Huhn gegessen. Strom gab es natürlich nicht, so wurde das ganze (Rat-) Haus mit Kerzen beleuchtet. Sehr nett.

Donnerstag ging das Leben gegen 6 los, die Aufgabe: Samen und Werkzeuge an die 5000 Menschen auf der Liste verteilen. Alles lief sehr organisiert ab und die Menschen sind beeindruckend dankbar, nicht nur für unsere eigentliche Fracht, sondern auch für Pappkartons und anderes Verpackungsmaterial, das uns geradezu aus den Händen gerissen wurde.
Die ganze Sache lief wie eine Art Theater ab, zu dem alles, was sich irgendwie bewegen kann, sich in einem Rechteck um uns aufstellt, und alle Ereignisse auf der "Bühne" mit Jubel oder Buh-Rufen begleidet. Versucht zum Beispiel jemand, sich zum zweiten Mal zu bedienen, verhindert das die Masse mit einem lautstarken Uhhhhh.
Gegen 11 sind wir dann gen Heimat aufgebrochen.

Freitag stand ganz im Zeichen des Portugiesisch-Lernens. Und Martin's Buch vom Leben und Sterben ist nicht mehr da. Da ich es zuletzt gelesen habe, im Flieger nach Huambo, bin ich dran schuld. Martin war richtig sauer, hat den ganzen Tag keine normale Antwort gegeben. Das gefällt mir natürlich überhaupt nicht, doch was soll ich tun? Er hat mich sogar beim Portugiesisch-Lernen rausgeschmissen. Aber ich errinnere ihn besser nicht daran, dass er auch mein Zelt im Zug liegen lassen hat.
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