Plötzliches Wochenende

Veröffentlicht am 3. November 2002.
Eigentlich war es ja abzusehen, auf jede Woche folgt schließlich ein Wochenende. Aber das die Woche so schnell vorüber sein wird, habe ich nicht erwartet. Afrikanische Zeit. Das ist die Anpassung an die Verhältnisse.

Und ich hatte mich schon die ganze Woche auf das Ende derselben gefreut, denn im letzten Meeting mit unseren Projektleaders Anna und Monika und ein paar anderen Freunden haben wir beschlossen, dass die einzige Lösung, um Martin dauerhaftes Heimweh zu stillen eine afrikanische Freundin ist. Ich stimme zwar zu, doch sind die Dinge für mich einfacher als für ihn. Sprache ist ein Punkt, Selbstsicherheit ein anderer.
Patentlösung: Martin muss in die Disko! Also haben wir uns am Sonnabend einen schönen Tag gemacht, Super-Essen batata frita (Pommes frites), leckeren Salat, gute angolanische Musik. Nur ein Nachteil, Martin mag Kisomba gar nicht. Deshalb war er dann auch zu müde, um das Theaterstück richtig wahrzunehmen. Und erst recht für die Disko. Zugegeben, es war spät, Mitternacht, als wir losgezogen sind. Frank, Rufino und ich, Martin im Bett. Sehr schade, denn im Gegensatz zu meinen Erlebnissen mit Winni in Deutschland, Drum&Bass und so, ist das Kennen lernen von Mädels wirklich einfach. Bis gestern war ich auch der festen Überzeugung, dass zu langsamer angolanischer Musik eng umschlungen Kisomba tanzen peinliche Plage ist, die man nur auf Wunsch der Jungs und Mädels auf sich nimmt. Doch ja, hier hat Kisomba seinen festen Platz und ich freue mich auf nächsten Freitag, Noite de Cafe hier in EPF und Sonnabend Cave Bar, die kommerzielle Disko für 3 Dollar.

Nur Mut, und nein danke, eu não gosto álcool

Und danke auch an Rufino, denn er hat die Verantwortung, Martin Möglichkeiten, Mädels kennen zu lernen, auszusetzen. Der scheint von allem nicht so viel mitzubekommen, immer etwas distanziert, kennt die Worte, nutzt sie nicht. Beherrscht die Tätigkeit und bleibt untätig. Schade für ihn. Ich würde ihn doch so gern etwas positiver sehen. Dank an Oma, nutzt er doch gerne mein Mosquitozeug, meinen Computer, mein Geld. Martin, werde selbständig!

Jedenfalls komme ich hier ziemlich herum, lerne unglaublich viele Leute kennen. Das verbessert mein portugiesisch und zwingt mich in eine willkommene Rolle, sehr aktiv zu sein. Und ich kann es nicht verleugnen, ich genieße die Aufmerksamkeit der Mädels. Auch wenn ich sie dann gelegentlich enttäuschen muss. Nein, ich werde nicht für immer bleiben. Sprich nicht so schnell, eu não entendo. Und ja, vielleicht kannst du mir ja morgen die Haare flechten? Nein, Mango wächst nicht in meinem Heimatland. Und Banane auch nicht, auch Ananas nicht. Doch, wir haben Äpfel und Erdbeeren. Und Kartoffel. Aber keine Süßkartoffel.

Heute morgen waren wir in der Kirche, ich wollte unbedingt mal dabei gewesen sein. Und es ist ganz anders, exotisch, der protestantische Gottesdienst, bis zur Pause 3 Stunden! Danach noch mal 2? Und sehr viele Bedienstete, "Ruhe"-Schild-Träger, Platzzuweiser für Zuspätkommer, Bibelausschnittleser, 5 Chöre, Keyboard, Gitarre, Trommel, zweisprachige Lieder, Umbundu und Portugiesisch. Das ganze in einem prallvollen Gebäude mit Turnhallenarchitektur in einer Art Hinterhof. Schöne, simple Malerei einer Illusion eines Tempels mit Säulen und viel Luft and der Wand. Und beeindruckend einfache Möbel mit großen Intentionen. Zugegeben, 3-stündiges sitzen auf einer knallharten Holzbank setzt Yoga-Training voraus. Und noch etwas sehr sympathisches: Alle Erstteilnehmer werden von den "Türstehern" identifiziert, und später der Gemeinde vorgestellt. So, ich bin Christian, aus Deutschland, arbeite für ADPP und bin ein Freund von Rufino.

Selbiger hat anschließend an den Gottesdienst, der gegen nabelfreie Bäuche und andere teuflische Dinge ausgesprochen hat, in portugiesisch erklärt: Vamos procurar meninas, lasst uns Mädels kennen lernen. Es stellt sich heraus, dass er Paula, mit der ich am Vortag sehr viel getanzt habe und die ich auch *sehr* sympathisch finde, nach einem Treffen in ihrem Café gefragt hat. Sie war total nett, auch zu Martin: "Wann immer du einsam bist, suche einfach nach mir", hat sie gesagt und es ganz bestimmt ernst gemeint. Aber er hat's nicht verstanden, und die Übersetzung nimmt doch den Wind aus den Segeln. Und sie hat ihn Jesus genannt, das mag er sicher nicht, doch wenn er sich nicht rasiert und die Haare wachsen lässt?! Und sie hat es wirklich ganz lieb gesagt. Und ich werde sie nächste Woche ganz bestimmt treffen. Und: liebe besorgte Verwandten, entspannt euch, ein bisschen erwachsen bin ich auch, Camisinhas dienen dem Safer Sex.

Und noch eine kleine Bemerkung zum Thema Sex: Jeder Angolaner benimmt sich wie meine Erinnerung an die 7te Klasse, Mann muss doch eine Freundin haben. Und wenn du nicht hast, kümmern sich alle, dass es sich ändert. Damals fand ich das nicht so toll, doch jetzt kann ich es genießen, aber mit Sicherheit ist diese Einmischung in meiner Meinung Privates schon merkwürdig. Aber ändern kann ich diese Gesellschaft nicht, also bleibt meine Mission, sie auf die Gefahren hinzuweisen. Und für mich selbst darf ich entscheiden, ob ich mitmache, oder bei jedem "Warum hast du denn hier keine Freundin?" einfach abwinke und höflich "Nein, danke, mein Freund, aber dazu bin ich nicht hier.". Und ich geniese das Partyprogramm. Ich bekomme 40 $ pro Woche und ich lege etwas zurück für den Rückflug. Doch wieso sollte ich den Rest nicht ausgeben? Jaja, Konsum.