Negrina

Veröffentlicht am 12. November 2002.
Sehr gerne würde ich euch in Deutschland eine Nachricht zukommen lassen. Aber momentan ist die Situation etwas verfahren: kein Telefon, kein Internet, kein Flugzeug, also auch keine Post. Aber das gibt sich wieder, nächsten Sonnabend werde ich sicher mit dem Telefon durchkommen, und vielleicht auch meine Mails abholen. Und kein Problem, schließlich gibt es hier ja genügend Menschen. Mmmh-mmh.

Martin tut mir leid, er spricht mit mir sehr oft vom Zurückkehren nach Irland. Ihm gefällt die Situation hier wirklich nicht, er fühlt sich allein. Let's pretend that I'm busy, that I'm bus for the next 5 months, höre ich ihn sagen. Ja, natürlich ist es nicht einfach, wenn die meisten Menschen keinen Schimmer von unserer Situation haben, kein Englisch sprechen.
Ich sage mir in schwierigen Situationen immer What goes up, must come down. Wir bekommen unser Gehalt hier sehr unregelmäßig, aber immer noch viel zuverlässiger als alle anderen Angestellten. Deshalb musste ich mich in der Vergangenheit zwischen gnadenlosem Sparen oder Geldausgeben entscheiden. Es gibt so viele Dinge, die ich nicht einfach akzeptieren kann: Schlechtes Essen, dreckige Umgebung. Mit Geld und Ausdauer wurde es besser. Helena kocht und wäscht für Martin und mich, und sie kocht wirklich toll. Sie kennt die merkwürdigen Geschmäcker der Europäer, hat schon für die DIs von '98 gekocht.
Doch wieso schreibe ich über diese Dinge, wo doch anderes viel mehr Platz in meinem Kopf bekam? Samstag Nacht, Cave Bar, Huambo. Kizomba, keine Paula, dafür viele andere. Ich war mit Gosto da, der erst 18 und somit für nach angolanischer Auffassung zu jung für Disko und Freundinnen ist (man fragt sich doch, wie jeder über 18 Kinder haben kann?), und 23 Uhr war natürlich viel zu zeitig. Gegen Mitternacht ist schon eine bessere Zeit. Gosto hatte gerade 50 Kwanzas (ein Dollar) dabei, also habe ich Eintritt und seine Biere bezahlt, und gelegentlich macht es mir den Eindruck, dass ich der einzige mit Geld hier bin. Aber was spielt das schon für eine Rolle, bei dem, was anschließend geschah. Nee, das muss ich aber wirklich für mich behalten, denn bei Kerzenschein und netter Musik passieren Dinge, die sich sowieso viel zu schnell in Stadtgespräch verwandeln. Morgen kommt sie mich besuchen. Und ob die richtige Atmosphäre hier auch kommt? In diesem fremden Land ist das leider etwas außerhalb meiner Kontrolle. Aber Kontrolle ist ja sowieso nur Hemmschuh. Und ich frage mich auch gar nicht, warum alles so perfekt war.

Hier in EPF war heute der letzte Tag mit Prüfungen, also sollte es in absehbarer Zeit wieder halbwegs vorhersehbar zugehen. Und wieso habe ich schon wieder so lange kein Volleyball mehr gespielt? Martin tut immer etwas besorgt, wenn er hört, wieviele Menschen mein Fahrrad benutzen. Aber Dinge sind doch dafür da, benutzt zu werden. Und wie fühlt man sich, wenn die kleinen Mädchen hier ein Brautjungfernkleid aus Schweden tragen, das dort nur einmal benutzt wurde? Und jedesmal, wenn ich mich sehr weit weg von euch fühle, kommt jemand mit einer Jacke von *luftanhalt* Dynamo Dresden aus dem Jahre 1985 angelaufen. Das Leben ist so schön und deshalb lebe ich es.
Da brauche ich keinen Flug nach Deutschland vor März. Hier bin ich, hier lebe ich. Schade, dass ich euch von hier aus nicht drücken kann. Aber ich pass' auf mich auf, und drück euch nächstes Jahr. Konfetti, Brokoliauflauf und Knuspermüsli! Und zumindest jetzt und hier fänd' ich auch ein schönes Hörspiel nett.
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