Kabel nach Europa

Veröffentlicht am 22. November 2002.
Erst hab ich mich geschnitten, beim Versuch, das fehlende Pedal durch die perfekte Getränkedose zu ersetzen (was in der Vergangenheit einigermaßen funktioniert hat), und mich dabei geschnitten. Dann riss die Kette und die Idee, es zu verkaufen. Also habe ich mein Fahrrad zum zweitgrößten Markt in Angola geschoben, der lag auch am Weg. Dort habe ich mich von einer Masse umrunden lassen und an den Meistbietenden verkauft, 3000 Kw, 60$ und statt Fahrrad habe ich dann einen der Motoradbesitzer 2x50 Kw um erst zu ADPP Vestuario (der Second-Hand-Klamotten-Großhandel in Huambo) und anschließend zu Residência zu fahren, doch Costa (nach Anna's Beschreibung ihr Bruder, studiert in Luanda Fernmeldetechnik und hat gerade Ferien, weshalb hängt er überall in ADPP Huambo ein bisschen herum), den ich treffen wollte, war weder hier noch da. Stattdessen Rufino, einer der Lehrer in EPF, und der hat alles sofort durchschaut, nachdem ich auf seine Frage hin mein Problem mit Costa erklärt hab. Geduld ist notwendig um Leute zu treffen, das wußte ich auch, aber Rufino wußte auch gleich, dass ich mehr auf Negrina warte, als auf Costa. Und jetzt sitze ich wieder hier in Quissala. Ich sollte eigentlich zur Noite de Café gehen, Musik und Theater und Café (Luxus!!) und tanzen, doch...ja sicher, später gehe ich schon.

Ich habe heute ein Fahrrad mit 3 Benutzern gesehen, meins verkauft, Internet versucht, und nicht nutzen können. Und dann, nachdem ich von 2-stündiger Birgit's Verspätung erfahren habe, mich in Richtung Angola Telecom gemacht. 10 Schritte nach Residência ruft es hinter mir Christian, es ist Dinha, die Nichte von Adriano, der beim Roten Kreuz Funker ist und den in 3 Tage zuvor kennengelernt hab, die den leichten Regen ernst nimmt und mir einen Schirm borgen möchte. Mmmh, das passiert doch nicht in Europa, oder habe ich da etwas verpasst? Danke. In der Post angekommen, einen Witz mit den Wachen und dann hinein in das ausgestorben scheinende Gebäude. Doch dann in einer Nische ist eine vergitterte Öffnung, zwei Post-Angestellte dahinter. Nee, den Preis wissen sie nicht und bei uns ist Zahlen im Voraus, ich zahle 500 Kw. Die Oma-Nummer schreibe ich auf ein Papier, der Zähler zeigt null, dann fängt er zu rasen an, Verbindung zu Deutschland ist 120 Kw / Minute. Also 10 Minuten 24 Euro. Das übersteigt meine Möglichkeiten, also hatte ich nur 4 Minuten für Oma. Wirklich schade. Ich hätte doch gern erzählt, von allen diesen Dingen. Doch so konnte ich nur mit der vor 3 (oder 4 Wochen?) besiegten Malaria beruhigen. Und vom Ausbleiben des Durchfalls erzählen.

Nachdem ich die Post verlassen habe, bin ich mit dem Wissen, dass Internet vielleicht segunda-feira, also Montag in der Post zu haben ist, falls die sich wirklich komisch habenden Angestellten mich richtig verstanden haben, in Richtung João's Haus gemacht, vielleicht ist er zu Hause, und vielleicht geht der Server für's Internet ja wieder. Doch Fehlanzeige. Nichtmal der in Luanda. Also habe ich wieder einen der Motorad-Besitzer gefragt, für 30 Kw hat er mich zu Residência gebracht. Er war 38 Jahre, und fährt jeden Tag außer Samstag (Adventist). Und es reicht gerade für's Essen, doch wer weiß, ob's stimmt.

Dann habe ich den Schirm zurückgebracht, dabei alle Bewohner des Hauses kennengelernt und ich hätte gern etwas mehr Zeit gehabt, denn sie waren allesamt supernett, doch dann kam Birgit schon. Also habe nur ausmachen können, dass ich morgen wiederkom'. Und dann werde ich auch Christian, den Schweizer, der bei Cruz Vermelho Geneva arbeitet, kennenlernen. Er weiß die Nummer zum zuverlässigsten Server in Huambo, spricht der Buschfunk.

Anna hat gestern Nacht den EPF-Jeep in einen Polizeiwagen gefahren, die Nacht auf der Wache verbracht und ihr Reden mit allen nicht ganz so wichtigen Personen eingestellt. Auch mit mir. Ich hoffe, dass sich das wieder einränkt, doch doof ist schon, den EPF hat seit einem Monat kein Geld von niemandem bekommen und die Transportsituation war vorneweg schon haarig. Und ich ohne Fahrrad? Ich glaube, Monika hat in beidem recht, ich brauche ein neues und wahrscheinlich sind alle Fahrräder hier aus China oder Namibia. Doch die Chinesischen sind ein bisschen besser, sagt man...na, über die Entscheidung muss ich noch mal schlafen. Wenn ich doch nur Werkzeug hätte, stattdessen muss ich südafrikanische Clutch Fluid für Türangeln, -schlösser und Fahrradketten gleichermassen verwenden. Und neulich hat mich einer der EPF-Studenten gefragt, ob er ein bisschen Clutch Fluid für die Arm-Verletzung seiner Freundin haben kann. Ich habe ihm stattdessen Vaseline vorgeschlagen, die benutzt Martin täglich. Doch dem war nicht nach teilen.

Anna's Computer geht immer noch nicht, doch dafür haben wir jetzt selbstgemachtes Brot. Und da wir keinen Elektroherd haben und angolanische Holzkohle-Lehmöfen nicht bedienen können, ist es fritierter Teig. Und siehe da, Martin, der Veganer mag es auch, trotz Ei und Milch. Und das ist ja irgendwie auch genau die Kategorie von Vegetarier, in die ich gehöre. Fleisch gibt's hier ständig, doch meistens ignoriere ich es. Und manchmal ist es lecker.