Residência

Veröffentlicht am 23. November 2002.
Martin's Darm arbeitet wieder nicht und vermutlich waren's die Mangos. Diese Früchte sind hier so süss, dass alle Arten von bichos (alle Tiere, die kleiner als eine Katze sind) sie mögen. Und die mag der Magen nicht. Also ist er in den letzen Tagen wirklich träge gewesen. Und als heute Negrina und Juju im Überraschungsbesuch kamen, konnte er das gar nicht so richtig genießen. Und als dann die Arbeit, ironischerweise für den Domingo Aberto nächste Woche, Kampf gegen Aids, in mein Haus zwang, bettelten ihn die Mädels, doch ein Bild von ihnen zu zeichnen. Das Resultat war hübsch anzusehen, und der arme schweigsame Martin war sogleich Juju's Anbaggeropfer. Und ich durfte übersetzen. Ich fand's witzig, doch er hat doch irgendwie überhaupt nicht mitgemacht. Hinterher hat er mir erzählt, dass er schon ganz vergessen hatte, wie es ist, soviel Aufmerksamkeit zu bekommen. Doch er hat nichts passieren lassen, und das ist auch gut so, denn Juju ist ja eigentlich Costas Freundin. Doch viel sagt das offensichtlich nicht, und die angolanische Definition von Freundin und Beziehung entspricht eher der des durchschnittlichen 8-Klässlers in Deutschland. Und Heirat (=Casamento, Haus=Casa) heißt Wohnungswechsel für die Braut, nicht Treue. Dafür finanzielle Absicherung, nicht mehr durch die Eltern, doch durch die Familie des Bräutigams. Und jeder, mit dem ich das Thema anschneide, nimmt Aids ernst, benutzt Condome. Doch für Martin hätte ich heute auch keins gehabt, und selbst bei einem Preis von 5 Kw, manchmal scheint irgendwer doch nicht auf die Vernunft zu hören, denn die Krankheit breitet sich auch hier aus. Negrina möchte einen Test machen, doch der sagt nicht viel, ist doch das Ergebnis immer 8 Wochen alt, mindestens. Und wenn sie mir sagt, dass ich heute besser nicht in Cave Bar gehen soll, weiß ich doch, was ich besser nicht sehen sollte.

Witzigerweise hat Adriano heute, als ich die Fotos von der Kamera auf den Computer kopiert habe, Negrina auf dem Bild erkannt. Er sagt, er kannte sie, und hat jetzt leider den Kontakt verloren. Heißt das, dass er eine Beziehung mit ihr hatte? Na, dann mache ich es einfach wie sie, falle mit Freund in ihr Haus ein, lade mich zum Mittagessen ein, und bezahle mit einem Lächeln. Costa, der Arme, wußte nichts von den Plänen seiner Freundin und saß den ganzen Samstag in Residência herum. Und nix mit Sonntag, stattdessen ist Wiedersehen Quinta-feira.

Gegen 16:30, also 1½ Stunden vor Dunkelheit, habe ich mich in Richtung Stadt aufgemacht, dabei eine Kuh-Ziegen-Mix-Herde mit zwei 14-jährigen Hirten zum Markt begleitet. Die Kommunikation war allerdings etwas schwierig, denn die beiden sprachen nur sehr knappes Portugiesisch oder verstanden mich zumindest kaum. Kurz hinter dem Markt bin ich dann dem einzigen verbleibenden ADPP-Jeep begegnet, der hat mich zu Residência gebracht. Und die anderen Bewohner sind gerade von hier in Richtung Cave Bar aufgebrochen und haben mich noch nicht einmal gefragt, ob ich mitkommen möchte. Doch damit haben sie mir auch eine schwere Entscheidung abgenommen. Ich sollte dankbar sein. Doch hätte ich gewollt, hätt' ich mich schon gekümmert. Stattdessen genieße ich die Ruhe, höre norwegische Musik. Dieses Land ist den Angolanern komplett unbekannt, während Schweden und Finnland durchaus ein Begriff sind. Und zum Glück ist Milchpulver im Haus.