Oh, schöner Tag

Veröffentlicht am 21. December 2002.
Heute bin ich nach Deutschland-Sonnabend-Maßstab zeitig, nach afrikanischer Rechnung unglaublich spät aufgestanden (8:10), doch das Wetter enttäuscht. Deutschlandnovembergrau mit Niesel, dafür aber recht warm. Zum Frühstück selbstgemachte Pfannkuchen mit Avocado-Salat und dem Regen-Geplätscher auf dem Dach. Geplant war es sowieso und die erdrückende Atmosphäre verstärkt das Gefühl: "Ich muss hier 'raus", also packe ich mein Stadtausflugpäckchen, noch mal alles durchgehen, ja komplett und los, 13 km, nette barfüssige Frauen auf dem Weg unterrichten mich in Umbundu, bis zu Kapengo's Haus, dort Bea treffen, Informatik unterrichten. Nur das es derer Computer an einem "Teil" mangelte. Der Niesel ist jetzt ein Guss, mein Computer in Quissala, eingeschlossen, den vor einer Woche schlugen meine Schlüssel und ich getrennte Wege ein. Also sitze ich mit einigen anderen Bewohnern von Kapengo's Haus am Feuer in der Küche, es köchelt abóbora, Kürbis, wir essen Birne und Maniok. Sehr nett und entspannt. Dann, eine Stunde später muss ich den Platz verlassen, denn Kapengo ist plötzlich anwesend und gar nicht besonders sympathisch.

Also mache ich mich auf den Weg zu Acricultura, dem Büro von ADPP in Huambo Cidade Alto. Dort befindet sich auch Angola Telekom, die Post, und der alte Palast des portugiesischen Governors, der vor vielen Jahren schon in Portugal neue Arbeit suchen musste. Zu meiner Überraschung finde ich zum Sonnabend nicht nur Birgit (Boss von ADPP Huambo), sondern auch Anna (Directora von EPF) und Lito, das Sprachgenie, der besser jetzt geht als bis 17 Uhr zu bleiben. Recht so, ist ja Sonnabend. UND: ADPP hat Geld für mich. Die Gelegenheit nutze ich, in Angola Telekom versuche ich 200 Kwanzas (=4 US$) gegen 30 Sekunden Reden mit Oma einzutauschen. Dreimal höre ich Oma umsonst, sie hört mich nicht und ich zahle nicht. Dann gibt mir Birgit den Tipp, dass ich nach Oma's Hallo den roten Knopf drücken muss. In den alten Ikarus-Busen in Dresden stand immer "Vor Aussteigen Knopf drücken", in Angola Telekom zahlt man nämlich sonst für immer. 5 Minuten später klingelt das Telefon in Acricultura, plaudern mit Oma, mit 2 Sekunden Transportzeit für jedes Wort. Sehr nett, mal keinen Zeitdruck zu haben, und mehr als 2 Minuten im Monat reden zu können.

Dann zu Gito, Rua Cinco, denn ich hoffe ja so sehr, dass meine Schlüssel dort auf ihren Patron lauern. Ich komme in seinem Hochhaus mit dem großen Loch an, finde den Eingang und ein 9-jähriger, der gerade sein Fahrrad die Treppen heruntergeschleppt hat, fragt "zu Gito?". Ich war erst einmal in diesem Haus mit ungefähr 200 Bewohnern, und schon weiß der Kleine, wen ich besuchen will. Also begebe ich mich in den siebten Stock, dort frage ich ein weiteres der vielen Kinder im Haus nach der exakten Tür. Jene erwartet mich mit lauten Bässen und dem unverkennbaren Brummen eines Generators. Ich brauche Geduld und die Hilfe eines kleinen Mädchens, dass mit ihrer hohen Stimme durch die laute Musik bis zu irgendjemandens Ohr innen drinnen dringt. Dann öffnet sich die Tür und in der einst leeren Wohnung befinden sich Gito, ein anderer in seiner Höhe und 18 Kids, die Musik und Actionfilme mögen. Da in Angola sowieso keiner Englisch versteht, sind die Fernseher immer stumm geschaltet, und Musik füllt die zu vermeidende Lücke. Und in Actionfilmen ließt ja doch niemand Untertitel, oder?
Ja, Gito hat die Schlüssel, sonst könnte ich jetzt gar kein Tagebuch schreiben. Ich verabschiede mich und verabrede mich für Sonntag, nicht wissend, dass ich nicht in der Stadt sein werde.
Was nun? Auf zu Paulas Restaurant, dort werde ich immer mit irgendwas/-jemandem überrascht. Ein bisschen schwummrig ist mir, wir könnten ja auf das Thema kommen, warum sie letzten Sonnabend Martin und mich hat sitzen lassen. Doch erst mal auf dem Weg, kreuzt mein Weg den Markt in Cidade Baixa, dort kaufe ich Kerzen und Streichhölzer, mehr gegen dunkle Nächte als für Weihnacht und Romantik. Dann, gegenüber von Cave Bar, in einer alten Fabrikhalle werden Motorräder geflickt und Köpfe geschoren. Also trete ich ein, durchquere die 10-Meter-Pfütze und lasse mich zum Friseur begleiten. Der schneidet mit fast stumpfer Schere in rasantem Tempo, gelegentlich fürchte ich ein bisschen den Verlust des einen oder anderen Ohres, doch zu Unrecht. Die Kamera werde ich nächsten Montag mitbringen und ein Bild vom Ort und seinen Menschen einfangen. 80 Kwanzas (=16 Brötchen oder 12 Kerzen oder 1½ US$)
Dann Paula, letzte Woche noch ganz kurz, jetzt mit Michael Jackson's langen gewellten Haaren. Im Restaurant, dass in der Atmosphäre eher einem Wohnzimmer gleicht, sitzen ein paar biertrinkende Männers in bester Stimmung, die eine Hälfte arbeitet für NGOs, die andere für den Staat. Ich erkläre zum x'ten Male in diesem Land, dass ich Alkohöllisches nicht mag. Die verließen uns etwas angetrunken und ließen gute Stimmung zurück. Nett war's, für Montag sind wir verabredet, und Martin (Jesus) wird wohl auch kommen.
Jetzt ist es Zeit, Andriano zu besuchen, sage ich mir und treffe das Mütterchen, das letzte Woche in seinem Haus mit der 200-kg Mama seiner Freundin Umbundu sprach.
Durch den übermannshohen Mais, der mitten in der Stadt wächst, über das Autowrack, das jetzt eine Brücke über einen Bach ist, vorbei an den vielen zerschossenen Häusern, durch den riesigen Schulpark der zerstörten Schulen, zu Rua fifty. Adriano ist nicht da, seine Freundin allein zu Haus und nett zum Plaudern. Jetzt, gegen 17 Uhr ist es Zeit, aufzubrechen.

Also laufe ich los, bis ich einen Motorradfahrer treffe, der mir einen vernünftigen Preis nennt. Allerdings begegne ich stattdessen den angetrunken Rastaman, der mir portugiesischen Unsinn über meinen Vater, der das Flugzeug erfunden hat, oder so ähnlich. Doch dann, vorbei an Praça São Pedro mit dem, was klingt wie ein Bootsmotor, ohne Fanta zu kaufen, zurück in Quissala. Und morgen kommen Adriano und Dinda.

Oh, schöner Tag.
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