Mittwoch ist ein heller Tag

Veröffentlicht am 5. February 2003.
Heute morgen wurde ich von Sonnenstrahlen geweckt, Helena kam mit frischer Wäsche (endlich wieder, denn vor 4 Tagen hatte ich plötzlich nichts saub'res mehr, wegen Bailundo und dem Seminar) und ich bin aufgestanden. Frühstück gab's nicht, denn mein Küchenhaus ist bis auf 3 Kartoffeln und ebenso viele Zwiebeln leergefressen. In EPF ekeligen Pappa und keine sauberen Teller und der riesige Speisesaal leer. Macht aber gar nichts, denn ich bin gewohnt, unregelmäßig zu essen, und heute stört es mich erst recht nicht, denn ich hatte gar nichts anderes erwartet.

Also öffne ich mein Büro und lasse unsere niedliche EPF-Katze heraus. Ich mag sie und sie mag mich und deshalb wohnt sie in meinem Büro. Und sie ist eine ganz saubere, die meine Mücken und Käfer und Spinnen und Mäuse und alle anderen nicht zahlenden Untermieter frisst.

Danach habe ich mich mit meinem Computer in Richtung auf Umwegen in Richtung Stadt fahren lassen, zu meinem Büro in Acricultura. Dort angekommen muss ich leider feststellen, dass die Mails wieder nicht 'rauswollen, irgend ein Serverproblem. Prima, OCHA hat auch Computerprobleme, also nichts weiter zu tun als (in Huambo abgefüllte!) Fanta-Flaschen wegschaffen. So laufe ich los, im allerschönsten Sonnenschein, nett, ach so nett, ich werde es vermissen. Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie hell und fröhlich der angolanische Sonnenschein ist.
Am Markt in der Unterstadt passiert dann, was meinen und ihren Tag prägen wird: Ich treffe ein paar von den Straßenkids, die ich schon einmal zuvor sehr sympathisch fand. Heute rufen sie schon von weitem meinen Namen. Sicher ist es nicht häufig im Leben einen angolanischen Straßenkids, dass ein Europäer ihnen auch nur zuhört. Sie waren die ersten und einzigen, denen ich auf der Straße Geld gegeben habe, auch wenn einfach alle in ADPP mir sowohl in Dänemark als auch hier ganz klar ihre Einstellung gesagt haben: Niemals!! Aber ich finde, das Teilen durchaus Spaß macht. Das wenige Geld, dass ja eigentlich zugegebenermaßen nur für's Essen reicht, aber egal, wirklich egal, die Kleinen haben schließlich gar nichts als Freunde in der Straße. Und so begleiten mich die Jungs durch die Stadt, zu Paulas Restaurant. Dort tue ich nix außer Flaschen zurückgeben, trotz fehlendem Frühstück. Jetzt beschließe ich, Dinda einen Besuch abzustatten, denn da war ich schon so lange nicht mehr, und ich weiß, dass ich dort immer willkommen bin. Das ist so etwa 2 km entfernt und ein wunderschöner Spaziergang, wenn man die Abkürzung durch das Bachtal nimmt. Die Kids kommen mit und wir unterhalten uns prächtig. Und ich genieße die neugierigen Blicke der Passanten, die uns alle grüßen, nicht nur weil ein Weißer mit Waisenkindern an der Hand ein seltener Blickfang ist, sondern einfach auch weil Angolaner sooo lebendig und neugierig sind, niemals auf die Erde starren, während sie laufen. So laufen wir durch riesigen Mais auf schlängelnden Pfaden, ich mit meinen zerschlissenen Sandalen, eins der Kinder barfuss, eins mit zwei verschieden Schuhen und nur eins mit halbwegs funktionierenden Sportschuhen. Nach einer Weile kommen wir an, und Dinda's 230 kg-Mama sitzt wie üblich auf der Veranda und strickt irgendetwas. Sie erkennt mich natürlich und zu meiner Überraschung auch die Kids sofort. Im Haus treffe ich Dinda, sie ist gerade beim Kochen, Blätter der Süßkartoffel, doch ich habe das Umbundu-Wort schon wieder vergessen. Während wir uns unterhalten, serviert sie das leckere Getränk der Region, Quissangua, Fuba mit Zucker und Wasser. Stillt Hunger und Durst gleichzeitig. Trotzdem kaufe ich mir wenig später im Markt in Rua Cinquenta 10 Brötchen, für insgesamt 80 Cent. Die Kids wollen keins, denn im Gegensatz zu mir haben sie schon gegessen. Und wie üblich bin ich Blickfang, den kein Angolaner, der auf sich hält, ist auf der Straße Brot mit nix. Ich weiß nicht, ob's an meiner guten Laune oder dem Brot liegt, aber heute ist es besonders lecker, es sieht auch anders aus als sonst und überhaupt. Jetzt laufen wir wieder zurück zum Markt in der Unterstadt, begegnen netten Leuten. Die Kids begleiten mich zu ihren Freunden und das ist nett. Am Markt treffen wir einen etwa 65-jährigen Mann, der mir auf Anraten der Kids die Sandalen reparieren darf und er ist ein echter Meister seines Faches. Es ist den Schuhen nicht anzusehen, dass das Leder schon fast abgerissen war, sie sehen wieder wie neu aus, nur etwas staubig von Huambo's Wegen. Danach gehen wir hinter den Marktständen zu einer Ecke des Marktes, die ich noch nicht kannte. Hier gibt es statt dem erdbraunen Holz und den Lehmblöcken und den Palmenstrohmatten, aus denen der Markt an anderen Stellen gebaut ist, grauen Beton. Vor uns ist ein großer Vorhang, die Kids lugen hinein. Es ist sehr dunkel und riecht gut. Ist aber nicht richtig, zumindest für die Kids, also gehen wir 2 Schritt weiter, ein anderer Vorhang und diesmal stimmt alles. Hier bestellen die Kids ohne mich noch mal extra zu fragen genau einen Teller mit Funji e Feijão (heiße Maismehlmasse und Bohnen), 30 Kwanzas (ein halber Euro) und Wasser soviel ich will. Anschließend treffen wir ein paar Glücksspieler, aber ich mag nicht zahlen das ist auch kein Problem, stattdessen reden wir über Jamaika, Äthiopien, Oliver Kahn, Filmstars und andere Themen. Beinahe hätte ich auch einen neuen Haarkurz&trimm bekommen, und das wollte ich diese Woche sowieso erledigen, deshalb weiß ich gar nicht, warum ich nein gesagt habe, zu dem schüchternen Friseur neben dem Benzinstand, der mir von den Kids vorgestellt wurde. Oh, ich finde es wirklich schade, dass ich nun gar keine Bilder vom Tag machen konnte, aber eine Kamera hätte nur alle ständig posen lassen und das ist nicht zu lange witzig.

Nachdem wir das Haus von einem der Kids besucht haben, einem winzigen Loch unter der Laderampe im Hinterhof einer zerstörten Fabrik sind wir wieder bei den Glücksspielern, einem wirklich netten Völkchen für sich, dass im Gegensatz zu allen anderen Gewerben nie von Brancos (Weißen, hier: ca. 40 Europäer und 3 Koreaner, es gibt keine Amerikaner oder Australier in der Provinz), wir reden über Führerscheine und meinen (abgelaufenen) Ausweis. Und über die Einreise in die EU und die Afrikanische Union. Und über angolanische Politik und schlechte Straßen und korrupte Polizisten. Nach einer Weile ist es für mich Zeit zu gehen, also verkünde ich mein Ziel: DW (im portugiesischen Alphabet gibt es kein W, es nennt sich also Dappeljuh), dem Development Workshop, denn die betreiben den Mailserver, der heute morgen nicht geantwortet hat. Die Kids begleiten mich und das ist wirklich angenehm. Der Bettler, den wir treffen ist sichtbar überrascht und sehr dankbar, als ich ihm eines meiner Brote übergebe. 2 Schritt weiter treffen wir 3 Händlerinnen, die ihren Laden auf dem Kopf tragen: Eine hat eine Schüssel voller Tomaten, Bananen, Ananas und Avocado. Ich nehme die Bananen, aber 15 Stück für 80 Cent ist verglichen mit Bailundo teuer. Ich nehm’ sie und so schwindet mein Geld, das eigentlich zum nach-Hause-telefonieren gedacht war, aber Luanda hat keine Leitungen nach Übersee für mich. Auf der anderen Straßenseite ist eine Handpumpe, ein LKW voll mit Menschen entdeckt sie zur gleichen Zeit wie wir, so gibt es eine nette Begegnung mit den Tagelöhnern, wir pumpen uns gegenseitig das Wasser, das an einem solch sonnigen, heißen Tag wirklich eine Wohltat ist. Ich mache mir die Haare, das Armband nass, wir laufen weiter und ich weiß nur den Stadtteil, in dem DW sitzt. Da hilft mir das Glück, es kommt einer der Jeeps von DW vorbei, biegt ein, wo ich es vermutet habe, Richtung OCHA und verschwindet. Ich beeile mich, jene Straße zu erreichen, komme an und sehe den Jeep wieder dort einbiegen, wo ich es vermutet hätte, wenn ich hätte vermuten müssen. Denn DW habe ich gefunden als ich Ende November OCHA gesucht habe. Wir begegnen 3 älteren Männern vor einer der Villen. Einer trägt ein DW-Baseballcap und deren Wache/Pförtner. Er führt mich durch einen unerwarteten, verwinkelten Hinterhof, sympathisch. Von DW's Haupteingang aus frage ich mich zu Jonas, einem sehr netten Zeitgenossen, der laut Birgit schon in der OWU (Eine Welt Universität, große, bekannte Schule von ADPP in Moçambique), spricht gutes Englisch und überhaupt, ich habe es heute schon in Mails geschrieben: Ich glaube, DW ist mein zukünftiger Arbeitsplatz, sobald ich wieder im Land bin.
Ich habe Erfolg, sende meine Mails und verabrede mich für morgen. Als ich DW verlasse, sind die Kids, die natürlich nicht mit hineinkommen durften, verschwunden, und ich habe es nicht anders erwartet, schließlich war ich ziemlich lange beschäftigt. Aber das ist auch nicht ganz so tragisch, denn ich habe mich schon für spätestens nächsten Montag verabredet.

Es ist Mittwoch, also Cluster-Meeting, also wird keines der ADPP-Autos vor 21 Uhr nach Quissala fahren. Da ich kein Geld, absolut gar nichts mehr habe, brauche ich gar nicht an ein Motorrad denken, sondern bleibe einfach in Residência. Hier habe ich nach einiger Arbeit für das Projekt Zeit und Ruhe, diesen Eintrag zu schreiben. Das ist gut, denn in Quissala ist mein Büro jeden Abend Treffpunkt aller Freunde, Computerinteressierter und Ausdruck-Wünschender, jedenfalls kein Platz zum Tagebuch-Schreiben.

Da Helena jetzt wieder für mich arbeitet, werde ich ab morgen leckeres Essen haben. Und kein Geld, aber das ist OK, denn gutes Essen ist wichtig für Motivation und Gesundheit. Und bald werden womöglich 3 DIs (also Entwicklungshelfer wie ich) aus den Vereinigten Staaten eintreffen und dann ist meine finanzielle Lage wieder stabiler. Wenn es mit deren Visa klappt. Doch wir schreiben uns E-Mails, und bis jetzt haben sie noch keine Verspätung angekündigt. Ich hoffe...