Goa

Veröffentlicht am 19. February 2003.
Nun, wie es kam weiß ich nicht, ich habe dänische Musik angeschaltet und höre jetzt Goa. Einige Menschen in diesem Verwaltungsgebiet, das 1510 vom Portugiesen Afonso de Albuquerque erobert wurde sprechen noch heute seine Sprache. In Dänemark habe ich gelegentlich getrommelt, und dann nannten es die anderen DIs manchmal "Safri Duo", die Goa machen und ich wußte es nicht.

Ah, wieder viel passiert: Montag nur Quissala, die Studenten haben ihre Konstruktions-Periode angefangen, sie reparieren und malern und gärtnern. Ich fühle mich saumies und erschrecke, als der altbekannte Malariaschmerz von Ende Oktober wiederkehrt. Nicht so heftig, aber immerhin. Ich beschließe, Dienstag zur Sonagol-Klinik zu gehen, auch wenn es wieder 80 $ kostet (die ich im übrigen gar nicht habe). Schlafen kann ich nur gelegentlich, also lerne ich portugiesisch im Bett. Nun, der Solidarität wegen möchte ich gern den Studenten bei ihrer Arbeit helfen, aber die schicken mich schnell wieder in mein Bett zurück. Helena ist auch nicht da, weil ihr Kind krank ist. Also heute nur Portugiesisch-Studium. Ich übersetze die Adventisten-Zeitung, um meinen Wortschatz auch mit einigen theologischen und philosophischen Worten aufzupeppen.

Dienstag wollte ich eigentlich nur vormittags in der Stadt sein, ein bisschen telefonieren und mailen, Computer reparieren, wie versprochen Arlette besuchen und wieder zurück nach Quissala. War aber nix: Zu OCHA bin ich 3x gerannt, bevor ich Erfolg hatte. Also hat schon das Mailen den ganzen Tag eingenommen. Teresas Computer in Acricultura hat eine Zeile in der Autoexec.bat-Datei vergessen und als alter Hase frage ich mich natürlich, wie so etwas passieren kann, denn hier hat eigentlich niemand auch nur genügend Wissen, um diese Datei auch nur zu editieren. Aber irgendwer muss es ja gewesen sein. Nun, am Samstag habe ich Irene getroffen und ihr versprochen, sie heute zu besuchen, nur leider ist sie erst arbeiten und dann wie vom Erdboden verschluckt. Nun etwas merkwürdiges: Rua Cinco, die bedeutenste Straße in Huambo hat sehr hohe Häuser. Und auf einem dieser Häuser gaaanz oben steht sie, mit ihren Freundinnen. Nun konnte ich von unten nicht wirklich ihr Gesicht oder irgendwelche anderen Details erkennen, warum bin ich dann eigentlich in das Haus, vorbei an all den Kids, die vielen Treppenstufen hinter mir lassend aus der Puste gekommen, bei ihr angekommen, viele Meter über der Straße? Nun, dann plaudern wir so und finden uns nett. Und weil ich um 6 zur Fahrt nach Quissala mit Anna verabredet bin, gehe ich. Aber auch weil es das richtige Maß war. Halbe Stunde mit ihr und erst mal darüber schlafen.
Als ich Anna treffe, ist die überhaupt nicht gut drauf, irgendwie sind alle Dinge in ihrem Tag schiefgelaufen und es werden noch viel mehr werden...Teresa fährt, ich möchte auch mal wieder ein Auto fahren, sie fährt ungefähr genauso unerfahren mit Birgits Auto wie ich wohl würde. Doch wir kommen an und nach einigen Schleifen durch die Stadt beschließt Anna, mich nicht nach Quissala zu bringen ("Anna, are we going to Quissala now?" - "No, I don't know."). Ihre Unentschlossenheit wird durch ihr Treffen mit namorado Oswaldo gelöst. Jetzt hat er die Kontrolle und wir mögen uns auch und so ist der Abend plötzlich ganz witzig. Er will zu Gigi, eine lokale Kneipe. Nach langer Diskussion fahren wir endlich los, aber um mich nach Quissala zu bringen. Auf dem Weg beschließt Oswaldo für uns, dass wir einen der Ex-Studenten in einem Bairro am Weg besuchen. Nun, die Wege wurden dunkler, enger und wässriger unud irgendwann sah die Straße dann sehr gruselig aus. Und bevor das irgendjemand im Auto so richtig ernst nahm, steckten wir fest. Der Allrad-Antrieb macht nichts als Rauch, Gestank und Lärm. Alle Räder tief im Schlamm, es geht keinen Zentimeter vorwärts.
Das Paar geht auf Rettungssuche, nach 15 Minuten kommen sie zurück, ein paar locals im Schlepptau. Ich habe indessen den Hebel zum Ausschalten der Differenziale gefunden, auch wenn ich das Wort im Englischen oder Portugiesischen nicht weiß, aber eben, das sich alle Räder drehen und nicht nur die in der Luft hängenden. Leider ist Birgit's Auto dazu nicht mehr in der Lage, es drehen sich immer nur 2 Räder, Hebelstellung egal. Aber jetzt sind Experten am Werk, ich sage nichts mehr, sondern schiebe nur gelegentlich am 2-Tonnen-Auto, wenn es mir günstig erscheint. Doch es braucht eine lange Zeit und jeder Meter ist ein neues Abenteuer, eine andere Art von Schlammloch, das umfahren werden muss. Und bei jedem Loch schieben wir das Auto von hinten, jenes bedankt sich, indem es uns voller Schlamm spritzt. Voller Schlamm bedeutet: Schlamm in den Haaren, Schlamm in den Socken, Schlamm an der Hose, Schlamm im Mund (buäh) und überall. Dazu ist es stockdunkel, die Reifen verbreiten den Duft von verbranntem Gummi. Immer wieder bleibt das Auto in irgendeinem dummen Loch hängen und will für viele Minuten nicht mehr woanders hin. Ich frage mehrere der Anwesenden, warum wir das Auto nicht einfach stehen lassen und zur Dämmerung wiederkommen können, aber sie lachen mich aus: Dann würden alle Räder, Glühbirnen und viele der Schrauben fehlen. Ich kann es nicht recht glauben, so dunkel es ist. Wir sind das einzige Geräusch, das einzige Licht, umgeben von Slumhäusern und riesigen Maisstauden.
Irgendwann schaffen wir es dann doch noch, und was ich natürlich niemandem der Wichtigen im Projekt verraten sollte: Es gibt jetzt ein Von-Stress-und-Aufregung-erholen-Bier für alle. Ich lehne ab, doch am Ende habe ich doch ein Büchse in der Tasche. Die rühre ich nicht an, aber heute hat sie Helena mitgenommen, für ihre Mama, sagt sie.
Wie durch ein Wunder ist das Auto OK, die Reifen halten ihre Luft und gegen 21:20 komme ich in Quissala an: 3 Stunden für 15 Kilometer. Laufen wäre deutlich schneller, aber die Erfahrung "Steckengeblieben" ist schließlich unbezahlbar.

Der heutige Mittwoch beginnt mit Sonnenstrahlen, es ist zu spät, ich wollte doch um acht beim Roten Kreuz sein. Jetzt schaffe ich es nicht mehr mit Laufen, und mit dem Bus komme ich erst gegen neun an. Aber das ist acht afrikanisch, also pünktlich. Ich treffe Stefan, der nicht wirklich sympathische, aber mächtige Informatik-Verantwortliche vom Roten Kreuz aus Luanda, aber der macht mir keine großen Hoffnungen auf eine Anstellung in seiner Organisation. Ich hatte gehofft, das Vitamin B mir helfen würde, aber der Chef sagt: CV nach Hauptquartier Huambo für lokale Anstellung, CV nach Genf für Expatriiert. Naja, nichts mit Beziehung spielen lassen, aber jeder mit dem ich meine Endtäuschung teile, muntert mich auf: Ich würde es schon schaffen, Englisch und Computer sind sehr begehrt in Angola. Nun, wir werden sehen.
Arlette ist soso nett, ich schaffe es mit ihrem Telefon, sowohl Post abzuholen als auch (Sensation, Trommelwirbel) endlich mit Frank zu sprechen, um seine Ankunft zu bestätigen und eine kleine Shoppingliste (Müsli!!) durchzugeben. Uh, noch ein paar Tage und er ist hier. Alle sind mit mir aus dem Häusschen.
Die Mama will ein Kapulana und eine Schnitzerei mitgebracht haben. Nun, das klärt die Frage des Mitbringsels und befreit von Überaschung und ist noch dazu klicheegerecht. Nur dummerweiße gibt es solche Dinge hier überhaupt nicht. Und Trommeln, so was, ich habe in meiner ganzen Zeit hier nur ein einziges Mal Trommeln gesehen, zum Open Sunday, als die Traditionellen aus Petrolio hier waren. Für Ulla gibt's eine Voodoo-Puppe, damit sie ihre Ex-Freunde ärgern kann...nee, keine scharze Magie unter 18.
Heute morgen, Arlette, wir waren gerade beim Englisch-quatschen und sie ist sehr ehrgeizig, als sie mich bittet, ob sie jetzt wieder portugiesisch sprechen darf. Natürlich und sie erzählt mir, das einige ihrer Freunde glauben, und ob es war wäre, das mein grün-gelb-rotes Armband bedeutet, dass ich auf Jungs stehe. Nein, grün-gelb-rot heißt Rastafari, Afrika, Ethiopia, Reggae.

Und ich hatte es versprochen und es geschah irgendwie magisch, plötzlich saß ich mitten am Tag mit Kerze in Dunkeln in ihrem Wohnzimmer, mit einem von ihr gebrauten Limonensoftdrink. Die Anzahl der CD ist geradezu europäisch, doch es ist keine Musik zu hören, aber ihre Stimme. Blumen überall im Zimmer, selbst Bilder von Blumen an der Wand. Wir reden und sie ist mindestens so aufgeregt wie ich und um die Beatles zu zitieren: "She loves you, yeah, and you know that can't be bad". Ach Clarice, wieso? Wir treffen uns 2 Wochen vor meiner Abreise, das endet doch in einer Katastrophe, oder? Muss ja, oder? Aber wir werden einfach weiter Tatsachen ignorieren. Wurscht, jetzt.
Morgen as treize eu vou voltar Und gehaucht, fast unhörbar até amanha und Wangenkuss Typ Frankreich ist das ist höchste zu dem ich mich überreden kann. Sie hat mein Zögern bemerkt, oder nicht?
Der Polizeichef-Papa kam mit dem Truckfahrer-Bruder, der Dresden kennt und wir reden und die Tochter war umsonst ängstlich, denn Papa sagt, na klar, seine Stereoanlage ist meine, sein Haus ist meins, ich bin IMMER willkommen und wir reden englisch und die Atmosphäre mit ihm ist plötzlich so entspannt, was für ein Wandel, sie ist im Gang um die Ecke. Ahnt er von uns? Nein, kann er nicht, kann er doch, er ist Papa. Aber ist so leger, mich so ehrlich in sein Haus einzuladen. Nun, ich kann es nicht in Worte fassen, jedenfalls nicht so intensiv wie ich möchte, weiß jemand aus Errinerungen einen Film zu machen? Sometimes I think you want me to touch you. In your eyes I saw our future together. Can't be. Can't be. Sie kennt Europa. Das ist verrückt.

Zurück in Quissala, der Alltag, Computer kaputt, Disketten borgen, Word unterrichten.