Carneval

Veröffentlicht am 6. March 2003.
Es ist heiß. Unglaublich heiß. Erstickend, alles klebt. Weit über 30°. Ich bin wieder in Luanda. Zum Glück muss ich hier nur eine Nacht bleiben. Arlettes Wunsch kann ich nicht erfüllen: Hier kann ich nicht leben! Niemals kann ich mich hier zu Fuss bewegen, Straßenkids und Berufsganoven warten nur. Niemals kann ich hier mit Leuten am Straßenrand schwatzen, weil der Großstadtnorm entsprechend leben die Menschen isoliert, kennen sich nicht, fahren in klimatisierten Autos herum und sind schwitzen alle wie zum Auswringen. Und so neugierig ich auch bin, ich wage es einfach nicht, mich auf meinen eigenen Wegen zum einem Treffen mit Donivaldo, Arlettes Sohn zu bewegen. Außerdem hat der kein Auto, und ich habe nur Arlettes Telefonnummer im Kopf und jetzt hat er Schule und zur Nacht räubern die Hungrigen des weißen Mannes Nerv und Reichtum.

Trotzdem ist es sehr erstaunlich, dass ich hier bin, denn: ich habe erst vor 10 Stunden erfahren, dass ich kommen werde. Und das war auch nicht einfach, denn zum Beantragen des Exit-Visas brauchte ADPP den Pass und zum zu-Luanda-kommen brauchte ich ihn. Und eigentlich gibt es gar kein Exit-Visa, zumindest nicht für andere Menschen als mich?! Heute morgen stand ich auf dem Flughafen in Huambo und habe mich von Campus, unserem Fahrer, vollschnauzen lassen, dass ich meinen Pass nicht habe. Und gestern wollte ich auf Anna's Auftrag hin mit ADPP Luanda reden, doch Teresa hat mich erst Monika fragen lassen und zum Verlassen des Landes brauche ich ihr zufolge 6 Passbilder. Wofür? Nun, das nicht existierende Exit-Visa...Chris hat recht, ADPP ist eine NOO, Nicht organisierte Organisation. Oder aber: Es könnte besser gehen.
Jetzt habe ich gerade 3 Dänen getroffen und die haben mir das so erklärt: In Europa werden weniger Klamotten gesammelt und auch weniger verkauft, weil die Zeitungen Amdi lieben. Und Humana gibt lieber Geld zu Zimbabwe, Südafrika und Namibia, weil dort kein Second-Hand-Klamottenhandel möglich ist. Nun, die Jahr-1993-Computer in Quissala werden sicherlich ein bisschen arbeiten, aber wie schön wäre es doch, Geld für den Transport der 400 kostenlosen Computer aus Europa nach Angola zu haben. Und für den gerade für Spenden lächerlich teuren Zoll.
Wasser läuft hier nicht, und die Arbeiter hier scheinen Kamelgene zu haben: Sie brauchen kein Getränk. Ich bin anders und kaufe mir eine hier zum Glück auch erhältliche angolanische Fanta, die verschwindet jedoch, ohne meinen Durst merklich zu verringern. Verwundert darüber und mit fettigen Fingern von der angolanischen Art zu essen, sehne ich mich nach meiner kalten Dusche, die ich während 14 Tagen innerhalb meines 6-monatigen Aufenhalts in der hitzebillfreien, schönen Provinz Huambo mit freundliche
Krabbelviechern. Dort gab auch nicht diesen ständigen Sturm, der einem kochende Luft über die nasse Haut schickt.
Da wäre die Huamboer Faschings-Parade gar nicht möglich gewesen, die unsrigen Cidadela-Kids haben schon wieder gewonnen. Und auf luandanisches Nachtleben habe ich gar kein Bock. Wie sehr nett ist da mein Fasching in Huambo gewesen:
Montag gegen 6 hieß es: Es ist ein Maskenball für 10 $ in der Stadt. Da wollte Frank noch mitkommen, der ist sich aber später seiner kränklichen Verfassung bewusst geworden und die Party verpasst. Wie alle Parties ging sie erst Mitternacht los, ich bin mit Arlette und noch einem Freund (mit Auto!) hingegangen, und es war soooo nett. Einlass: Es ist kein Geld geflossen, aber irgendwie weiß ich, das Arlette bezahlt hat. Um so weniger mochte sie es natürlich, als 2 Sekunden nach unserem Betreten der Disko ein Mädel in wenigen knallroten, indischen Verhüllungen auf mich zugestürzt kommt, meinen Namen ruft und mir um den Hals fällt. In Diskos kann man bekanntlich nicht besonders gut akustisch kommunizieren, denoch gelingt es ihr, mir mitzuteilen, dass ich sie an der Wand treffen kann. Dann verschwidet sie in Richtung jener Wand und lässt mich mit der verdudsten Arlette allein hinterm Eingang stehen. Ich kann nur die ehrliche, aber nicht überzeugende Antwort abgeben, dass ich das Mädel gar nicht kenne. Ich fühle mich anfangs etwas fehl am Platz, denn alle in speziellen Klamotten, wenn auch meist nicht maskiert. Die meisten Mädels haben eher wenig an und die Cross-dressed Jungs haben es auch gut: Es ist heiß und feucht. Die Musik ist wahnsinnig gut. Ich möchte alles mitnehmen, aber stattdessen werde ich wiederkommen. Stimmt's? Na klar, habe ich doch allen versprochen, doch wer wird den Flug bezahlen? Es wird sich schon lösen.
Viele Tänze später besiegt uns irgendwann doch die Müdigkeit und wir gehen mangels eines Autos ineinandergearmt in Richtung Bett...Uhren habe ich nicht, Arlette auch nicht, aber die Expertin sagt, das es so 5:30am des Dienstags ist. Schlafen, aber nur bis 9, der Chris ist im Haus, er ist in die Stadt gekommen, um Clarice zu besuchen und jetzt fragt er nach den Cidadela-Kids. Ich habe keine Ahnung, aber darf weiterschlafen. Der kleine Bruno weckt mich kurz darauf, um nach dem Frank zu fragen, die beiden könnten durchaus schon viele Jahre befreundet sein, so toll verstehen sie sich. Doch leider brauche ich noch etwas mehr Schlaf, erst gegen 12:30 gehe ich meinen Papa besuchen. Erst gehen wir Umzug anschauen und dann zu OCHA, um ein letztes Mal meine Mails (es gab eine von der Sabine!) anzuschauen. Da ist tolle Musik, latinisch und spanisch und wir schreiben eine witzige Antwort für Ludwig und Sabine, doch dann [pause im schreiben fuer ein bisschen tequila] Fasching, heute: Hier bei OCHA arbeiten 2 Spanier, die alle anderen
spanischen Muttersprachler aus allen Teilen der Welt, die hier in Huambo arbeiten, eingeladen haben. Daher berauscht uns der spanische Gesang und der Frank sitzt neben mir und laechelt wie immer, gelegentlich etwas fragend, denn die bisherigen portugiesischen
Lektionen sind leider noch nicht alle hängengeblieben. Aber fleissig ist er schon. Und gemütlich findet er es schon und lacht, ohne ein Wort zu verstehen, mit. Und sagt "sim". Frank haette einfach nicht gedacht, dass Entwicklungshilfe so lustig sein kann. Wir tanzen.
Irgendwann werde ich wieder müde, und verabschiede mich unter dem Vorwand, Arlette einzuladen. Die kommt nicht mit, später erfahre ich, das Fernando als auch Giovanni, die in OCHA sind, Arnold sehr gut kennen und der wiederum ist Marido von Arlette und soll nix von meiner Besonderheit erfahren. Der Frank lässt sich nicht davon abbringen, wieder zu OCHA zu gehen, ich bringe ihn und im Moment des Verschwindens werde ich von unserer huambianischen Columbianerin hineingezehrt, mit Amarula versorgt und neben die Pfannkuchen gesetzt. Die schlucke und verdaue ich, während ich die Lektüre der herumliegenden Newsweek genieße. Hab' ja schon lange keine gute Zeitschrift mehr gelesen. Zum tanzen zu schwach, doch zum laute Musik toller Qualität zu genießen genau richtig. Klang-Qualität ist etwas, nach dem ich hier noch verrückter bin als in der alten Welt, hier muss fast jeder Lautsprecher lauter sprechen als er kann. Und je später es wird, desto netter und unmainstreamiger und klassischer wird die Musik. Irgendwann verabschieden sich die Tanzwütigen, die Liebhaber von Whiskey bleiben und die Zeitschriftinteressierten. Wir sind jetzt Fernando (der eine interessante Weisheit nach der anderen hervorsprudelt), Frank (der Musik und Zigaretten und Whiskey schnort), Gutberg und Giovanni (die über Frauenprobleme reden) und ich (der allen Klängen aufmerksam lausch). Fernando spielt unglaubliche Musik an und erzählt Geschichten aus seinem und der Musiker's Leben. Über die Klassik-Musik habe ich mich gefreut und daraufhin hat Fernando mir einfach die CD in die Hand gedrückt. Ich habe irgendwo eine Kopie, hat er gesagt. Fernando hat soooo viele CDs, unglaublich. Und alle selbstzusammengestellt und handbeschriftet und schön anzuhören. Irgendwann hat er uns alle im schicken UN-Auto heimgefahren, und natürlich mit einem netten Spruch verabschiedet. Zu mir: "Du kommst auf jeden Fall wieder nach Huambo, doch du weißt es noch nicht. Alle kommen zurück nach Huambo, aber ganz besonders du.". Ob er wußte, dass ich den Termin beim roten Kreuz am Montag hab sausen lassen? Ich muss mir sicherer sein, was will ich wirklich? Da hat er recht. "Ich wünsche dir ein langes Leben und die Weißheit, es zu leben."