Spät ist's schon

Veröffentlicht am 13. January 2003.
Es ist einer der Nächte, in denen der angolanische Vollmond beweist, dass er heller als jeder andere in meinem Leben ist. Als meinen letzten Akt für heute esse ich Brötchen mit Butter und Brot (Luxus, gelle!) und natürlich Zucker. Wollte ich nicht mal Zahnarzt werden, und sollte ich dann nicht wissen, wie schrecklich meine Zähne den Zucker finden? Und wenn das einer überlebt, muss es wohl ich sein. Außerdem bin ich hierzulande berüchtigt für meine rassante Blindkunst, denn die brache ich, um Energie für Musik zu sparen, der Generator ist down, ich liege im Bett und nur mein Computerakku trennt mich von der Finsternis. Und Lauryn Hill, die HipHipgospelt.

Aber eigentlich muss ich schreiben, denn das Wochenende war lang und ereignisreich. Freitag abend habe ich beschlossen, dass jetzt Schluss mit Arbeit ist, dass ich ein bisschen lebe. Also habe ich den Abend mit den netten EPF-Mädels statt mit den Computer- und Englisch-Interessierten im Computerraum zu verbringen. Mitternacht kam und schlief noch nicht. Sieben Uhr Dreißig kam, Satchimbiali klopft an mein Haus. Ich wecke, wache und stehe auf, nicht unbedingt in dieser Reihenfolge. Haar, Klamotten, und zu EPF. Schnell ihm die Camara überreicht und erläutert. Dann in Birgit's Pick-Up zur Stadt, denn ich geh' mit den netten Jungs von EPF zur Kirche, Sonnabend, Adventisten, im Fussballstadium. Denn es sind Gäste da, aus Südafrika und Zambia, innerkirchliche Berühmtheiten. Die Angolaner predigen langweilig, die Südafrikaner peinlich Klischee, doch der Zambianer ist großartig, und natürlich, alles Gesagte wird übersetzt, entweder in Umbundu oder Portugiesisch.
Und wer überrascht mich mit netten Zetteln, übermittelt von einem 5-Jährigem? Dinda, die mich entdeckt hat. Na gut, ich hatte ja schon vorher ihren netten 12-jährigen HipHopperbruder auf dem Truck, der uns zur Kirche mit genommen hat, getroffen.
Anschließend Mittagessen in ihrem Haus, die Quissala-Jungs wandern zurück. Ach so, eigentlich sollte ja Picknick in Alto Ama sein, doch das ist wieder verschoben, kein Transport, ups, natürlich kein Geld, deshalb kein Transport für uns 300 ADPP'ler.

Pinto vom Secondhandladen hatte mich für Übernacht eingeladen, so stand natürlich Disco auf dem Programm. Es kommt mir recht, Zickzack-Körperzappeln, mag ich doch. Doch erst in Paula's Restaurant und alle Mädels einladen. Die sind begeistert. Nochmal haben wir uns nicht getroffen in dieser Nacht, denn sie kamen 'rein und für uns (7 ADPP'ler) war die vereinbarte Disco voll. Und die anderen Discos leer. Dann, Rua Caná, fantastische Architektur, schnelle Musik, verrückte Tänzer. Aber irgendwie schade, im Favwela die eine Hälfte meine Freunde und ich hier. Naja. Dafür gratis, Bernardino lädt uns alle ein und das Farvela wäre wirklich schweinisch teuer (5 Dollar).

Der nächste Tag fängt mit Milch und Schokoknusper-Nestle-Flocken an. Mmh. Und Brötchen mit Butter, eines meiner Lieblings. Und dann dieses Buch, nachdem wir in Residência angekommen sind. Fesselnd, englisch, ich verschlinge es. Eigentlich warte ich ja auf Helena, meine Köchin, die mich zu ihrem Haus mitnehmen will. Doch sie kommt nicht, mehr Zeit für's Buch. Jetzt weiß ich, dass ihre Oma krank ist. Mit meiner habe ich heute morgen telefoniert, es geht ihr gut und dem Rest der Familie auch. Die Mama geht Skifahren, und bei mir gibt es Hitzegewitter. Ulla sucht schon CDs für meine Wiederkehrparty aus. Und spielt Computer. Mit meiner Oma habe ich mich für den Montag in 2 Wochen verabredet, am Telefon natürlich. Richtig gut gelaunt gehe ich nach dem Telefonat zu OCHA, doch zum ersten Mal heißt es "Sorry, heute nicht" und ich muss wohl bis nächste Woche warten, bevor ich meine E-Mails lesen kann. Ich wandere noch ein bisschen durch die Stadt, besuche Paula's Restaurant. Und im Park arbeiten die Sensenmänner, die frischgehauene Wiese durftet wunderbar. Am Markt in der Unterstadt verfolgt mich eine Horde Kinder, kleine süße angolanische Kinder. Und heute beschließe ich mal, meine Prinzipien zu ignorieren, ich gebe ihnen ein paar Kwanzas.

Und dann mache ich mich den Weg zurück nach Quissala. Zu Fuß. Doch es dauert nicht lange und ich treffe Octavio in seinem gelben Pickup, er nimmt mich bis zum Markt mit. Dort überrede ich einen der Motorradfahrer, mich für 80 Kwanzas nach Quissala zu bringen, denn es ist heiß und heute gönne ich mir mal den Luxus, nicht zu laufen.