Ich habe diese Buch verschlungen. Ich lese sonst kaum Bücher, aber dieses konnte ich nicht zur Seite legen. Es geht um die Autorin, Sonja Manderbach und ihre Jahr 2022 bei der Letzten Generation. Sie beschreibt außergewöhnliche Szenen lebendig und leidenschaftlich lebensbejahend, zum Beispiel dieser Moment, als Sonja gegen Ende eines Klimaaktion auf einer indessen leeren Straße klebt:
Ein Fahrradfahrer kommt des Weges und spricht uns darauf an, dass er es klasse findet, was wir machen. Er bedankt sich und klatscht und fährt dann mitten auf der gut geteerten Schnellstraße, wo vorhin die Autos im Stau standen, anstatt auf dem holprigen gepflasterten Radweg, freihändig, die Hände hoch in die Luft schwingend und jubelnd weiter.
Wir – ede, der neben mir klebt, und ich – machen auch ein paar „Yoga-Übungen“, weil unsere Arme und Beine einschlafen. Das haben wir am Vortag erfunden, als wir dort auch vor einer leer geräumten Straße saßen. Auch diese Bewegungsübungen aus der Kategorie „Klebeturnen“ oder „Klebe-Yoga“ – die „geklebte Kobra“, den „klebenden Hund“, den „klebenden schlafenden Tiger“ (wie ich sie in Anlehnung an echte Yoga-Übungen und an einen Rosamunde-Pilcher-Film nenne) – würden wir nie machen, wenn noch Menschen vor uns im Stau stehen oder noch Fernsehkameras auf uns gerichtet sind. Denn wir wollen die Menschen nicht verhöhnen oder belustigen. Wir wollen sie warnen. Wir sind der Feueralarm. Aber wir sind eben auch ganz normale Menschen, deren Körper Zeichen der Erschöpfung zeigen, wenn sie etwa zwei Stunden lang stillsitzen müssen.
Besonders berühert haben mich die Szenen in Gefangenschaft: hier findet Sonja tolle Worte für Erlebnisse, die meinen sehr ähneln. Gefangen zu sein trägt sie mit Würde, Empathie für Polizist:innen und dem Wissen, dass es zur von uns gewählten Art des Klimaprotestes dazugehört. Dabei wissen wir von den Bauernprotesten im Winter 2023/2024, dass es eben nicht die Protestform, sondern es gerade das Thema Klima ist, was präventive Einzelhaft auf Holzpritschen mit sich bringt.
Das herzerwärmende Buch eröffnet eine Perspektive auf Klimaproteste, die in der täglichen Berichterstattung oft keinen Platz fanden. Ich empfehle das Buch gerade Menschen, die sich mehr Klimaschutz wünschen und die Proteste der Letzten Generation skeptisch sahen. Denn Sonja beschreibt besser als jeder Vortrag, was uns wirklich auf die Straßen gebracht hat. Und besonders die vielen im Buch beschriebenen Begegnungen und Reisen laden zum Nachfühlen ein. Das Buch kann helfen, beim Start zukünftiger Bewegungen die menschliche Seite im Blick zu halten. Besonders spannend fand ich dafür auch die Dynamik in Sonjas Familie und die Reisen von Sonja mit ihrer Tochter. Eine Demokratie braucht Protest und der muss kompatibel mit der Lebenssituation der Aktiven sein. Wir können uns nicht ausruhen auf den erfolgreichen Kampagnen des zivilen Ungehorsams, wie zum Beispiel für das Frauenwahlrecht, sondern müssen fröhlich gegen ernste Themen wie Missernten und Diskriminierung vorgehen. Und manchmal müssen wir die unangenehme Rolle des Feueralarms spielen.
Daher habe ich mich auch 2024 entschieden, das Buch „FeuerAlarm“ zu lektorieren.
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